Hallo Wut! Über die Schwierigkeit einen Wutanfall zu begleiten

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Plötzlich verdunkelt sich das sonst so fröhliche Gesicht vom Strahlemann. Er wirft alles um sich, was ihm in die Quere kommt, stampft wütend auf und fängt an zu toben: ein Wutanfall. Er schreit, weint und ist außer sich. Es gibt kein Halten mehr. Irgendetwas hat ihn verärgert und zwar richtig. Er schmeißt sich auf den Boden, strampelt oder schlägt mit den Armen. Er ist wütend. Richtig Wütend! WÜTEND!

Hilflos stehe ich daneben. Ich möchte ihn halten, ihn trösten und machen, dass der Wutanfall aufhört. Aber er lässt mich nicht. Sobald ich mich nähere wird die Wut schlimmer „Weg Mama. WEG“ Schreit mein kleiner Sohn verzweifelt. „Mama, nein. WEG“. Also nehme ich Abstand. Ich setze mich, atme tief ein und versuche bei mir zu bleiben. Ich versuche, einen klaren Kopf zu behalten, trotz des ohrenbetäubenden Schreiens und mich zurückzunehmen.

Theoretisch weiß ich, dass ich nicht viel gegen einen solchen Wutanfall tun kann. Dass die Wut Raum braucht und wir sie aushalten müssen. Theoretisch weiß ich, dass mein wütender Sohn gerade weder für Erklärungsversuche noch für Kompromissangebote zugänglich ist. Theoretisch weiß ich auch, dass uns gerade nur eins helfen kann: Zeit. Viel Zeit. Meist leider eine gefühlte Ewigkeit.

Praktisch kommt es sehr auf meinen Gemütszustand an, wie ich diese geballte Ladung an Gefühlen aushalten kann. Nach einer weitestgehend entspannten Nacht und einem mehr oder weniger friedlichen Start in den Tag gelingt es mir einen solchen Gefühlsausbruch noch ganz gut zu begleiten.

Ist es aber nicht der erste Wutanfall dieser Art, war die Nacht zu kurz und der Tag voller ständiger Geschwisterstreitereien ist das nicht mehr ganz so einfach. Wenn sich mein Gehirn anfühlt, als hätte es ein paar Runden im Mixer gedreht, fällt es mir wirklich schwer ruhig und besonnen zu reagieren, mich von diesen negativen Emotionen frei zu machen und sie nicht über mich kommen zu lassen.

Der Wutanfall kommt auch nachts

Besonders herausfordernd aber ist die plötzliche Wut in der Nacht. Level für Fortgeschrittene sozusagen. Lawinenartig kommt die Wut angerauscht und nimmt alles in ihren Bann. Sie trifft mich völlig unvermittelt. Eben habe ich noch geschlafen, dann musste der Strahlemann mal oder ist aus irgendeinem anderen Grund kurz aufgewacht. Und plötzlich wird er von der Wut überrannt.

Erst dachte ich an einen Nachtschreck, aber die Wut unterscheidet sich nicht von der tagsüber, höchstens in ihrer Intensität. Der Strahlemann reagiert, ist ansprechbar und äußerst auch nachts, dass ich mich fernhalten soll. Er scheint wütend, weil er schlafen will. Er scheint sich über den Kontrollverlust zu ärgern. Machen kann ich auch hier leider nichts. Außer da sein, Halt bieten und aufpassen, dass er sich in seiner Rage nichts tut.

Aber nachts fällt es mir wirklich schwer. Der Impuls selbst zu schimpfen oder zu schreien ist groß. „Man, komm her. Lass uns schlafen. Bitte!“ Höre ich mich so manches Mal grummeln. Naja, ihr könnt es euch wohl denken. Das hilft nix. Gar nix. Der Strahlemann kann mich gar nicht hören. Er spürt allenfalls meine Ablehnung, was die Sache nicht besser macht. Ok, also anders. „Oooooooohm“. Atmen, sortieren, wach werden. „Ich bin hier, wenn du mich brauchst.“ Die Gefühle zu spiegeln, macht die Sache hier eher schlimmer. Jedes Wort von mir scheint zu viel. Aussitzen, immer wieder meine tröstenden Arme anbieten und mich ansonsten zurücknehmen, scheint uns am besten zu helfen.

Fehlende Impulskontrolle

Ich bin aber immer noch müde. Müde ist auch meine Impulskontrolle gering. „Aufhören“ ist der einzige Gedanke, der in meinem Kopf unentwegt seine Runden kreist. „RUHE! Verdammt!“  Ich weiß, dass mein Sohn gerade nicht anders kann. So wie ich, wird er von seinen Gefühlen überrollt. Er kann sie nicht einordnen, er hat sie nicht im Griff. Im Gegensatz zu ihm, weiß ich, was in mir drinnen vor sich geht und dennoch kann auch ich diese Wut nur bedingt steuern. Das liegt an den Gehirnhälften und so. Hier nachzulesen: gewünschtestes Wunschkind oder auch bei geborgen wachsen.

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Gedankliches Kaffeekränzchen

Da ich das also ebenso wenig steuern kann, versuche ich der Wut vorzubeugen. Ich atme, ich setze mich hin und versuche die Wut meines Sohnes einzuladen. Einladen? Ja, hat die jetzt nen Knall? Ja, schon irgendwie, aber das ist eine andere Geschichte… Mit der Zeit wird man halt erfinderisch und direkt schlimmer kann es ja eigentlich nicht mehr werden, oder? Der Schlafentzug bringt mich auf so manch alberne Idee, aber es hilft tatsächlich.

Es ist so blöd, dass ich einfach innerlich grinsen muss und dann wird es oft irgendwie erträglicher. „Hallo Wut! Auch mal wieder da? Komm setz dich, mach es dir bequem. Erzähl mal, was ist los bei dir? Lass es raus. Und dann darfst du gerne wieder gehen.“ Wir veranstalten ein gedankliches Kaffeekränzchen. Zugegeben ich trainiere das erst und es gelingt mir definitiv nicht immer. Vor allem nachts. Aber ich hatte schon etliche Gelegenheiten daran zu üben und es werden wohl noch so einige kommen. Und in solchen Momenten habe ich ja schließlich Zeit.

Mit irgendwas muss ich mich wachhalten und eben auch vom Schimpfimpuls fernhalten. Neben dem innerlichen Grinsen, fühlt es sich einfach besser an. Ich brauche nichts zu bekämpfen, die Wut ist da und sie geht am schnellsten, wenn ich sie lasse. Dieses Gedankenspiel erinnert mich daran. Zulassen, annehmen, Raum geben. Das fühlt sich befreiend an. Es macht die Situation deutlich entspannter als dieser ständige innerliche Kampf gegen meine und seine Wut.

„Ich bin hier. Ich nehme dich gerne in den Arm. Komm her, wenn du magst“. So ausweglos die Situation manches Mal scheint, irgendwann legt sich eine Art Schalter um: „Ja“, wimmert es dann plötzlich. „Mama, Arm“ und mir werden zwei kleine Ärmchen entgegengestreckt. Erleichterung fällt von uns allen ab. Geschafft. Meistens jedenfalls…

Meine Sicherung brennt durch

Das klingt eigentlich ganz gut und machbar, oder? Wie so oft, gibt es auch hier ein Aber. Es gibt eben auch die anderen Momente. Diese verfluchten Momente, in denen sich alles anfühlt, als wäre es eine ewig lange Bergbesteigung. Diese Momente, in denen ich schon ganz am Anfang nur noch ans Aufhören denke.

Vor ein paar Tagen hatten wir exakt diesen Punkt erreicht. Es war mitten in der Nacht, der Strahlemann musste, aber wollte nicht und dann war es auch schon vorbei. Zack, Kontrollverlust. Mitten in der Nacht. Und dann WUT. Und ich meine wirkliche Wut. Ein ohrenbetäubendes Geschrei rollt über uns und lässt uns leider erst 45 Minuten später allein…

Leider bin ich nicht wirklich bei mir. Ich bin erschöpft und ausgebrannt. Ich versuche mich mal wieder im Spiegeln, viel schief gehen kann ja nicht. Aber da habe ich wohl nicht mit meinen Nerven gerechnet….  es gelingt mir einfach nicht. Vielleicht bin ich auch nur nicht bei der Sache, jedenfalls wird es nicht besser. Im Gegenteil. Bei jedem Wort, was ich sage, wird mein wütender Sohn lauter. Er ist vollkommen außer sich, schlägt gegen die Tür und schreit. Dass gerade unsere Vermieterin im Zimmer unter uns schläft (wir wohnen sonst eigentlich allein), macht meine Gefühlslage definitiv nicht besser. Ich halte diesen Krach kaum mehr aus. Ok, zulassen. Wut einladen. Komm schon, Julia, das schaffst du. Los. Aber mein Kopf kann nur ans sofortige Abstellen denken. Das ist nicht gut. Das weiß ich, aber es hilft nichts. Mir gelingt es einfach nicht mehr ruhig zu bleiben.

Ich weiß, dass der Strahlemann leidet. Aber mir brennen die Sicherungen durch. Ich brauch eine Pause. Unter Wahnsinnsgebrüll trage ich ihn von der Tür weg. Ich muss kurz raus und durchatmen. Mein Mann übernimmt. Dann fordert mich der immer noch wütende Strahlemann zurück. Leider kann er meine Nähe aber noch immer nicht zulassen. Und dann plötzlich ist er da, der sehnsüchtig erwartete Schalter. „Mama, maaaaamaaaaamilch“. So ein Wutanfall macht müde, nicht nur das Kind. Uff. Völlig erschöpft schlafen wir eng umschlungen ein.

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15 Kommentare zu „Hallo Wut! Über die Schwierigkeit einen Wutanfall zu begleiten“

  1. Pingback: familiengarten: Wutanfälle von Kindern begleiten ist anstrengend - Geborgen Wachsen

  2. Pingback: Unser Wochenende in Bildern: 28. & 29. April 2018 « familiengarten.org

  3. Oh ich kann dir sehr gut nachfühlen.
    Ich hatte ein Kind dass einfach nie aber wirklich nie schlafen wollte. Man funktioniert manchmal nur noch. Das Gute daran: Man überlebt😂
    Liebe Grüße
    Heike

    1. Danke für die Aufmunterung, Heike. Überleben ist ja schon echt gut 😉 Das klingt auch super anstrengend bei dir. Gut, dass ihr es geschafft habt! Meine Tochter war bzw. ist ganz ähnlich. Schlafen scheint für sie eher eine persönliche Beleidigung zu sein…

  4. Hallo Jufie, das geht mir zur Zeit ganz genau so mit unserer jüngsten Tochter (auch 2016). Dass es bei euch auch heute so extreme Phasen gibt, finde ich sehr interessant. Fühlte mich bisher sehr allein damit.
    Ich habe die Hoffnung, dass das Ganze etwas einfach wird, wenn sie besser sprechen kann. Denn am schlimmsten, neben dem ohrenbetäubenden Schreien mitten in der Nacht, empfinde ich, dass sie mir bisher auch danach nie sagen kann, ob und wenn was war (Angst, Schreck, Schmerz? Oder nur so?). Viel positive Energie und immer was zum Schmunzeln wünsch ich dir,
    Desiree

    1. Oh danke, Desiree! Das wünsche ich dir auch! Es tut echt gut, jemanden mit dem selbsen Problem zu finden, odeR? Ich habe auch den Eindruck, dass das nachts eine etwas besondere Stufe ist… Dass mit dem Sprechen kann naütrlich sein. Aber ich hoffe ehrlich gesagt eher, dass es sich bis dahin einfach erledigt hat 😉

  5. Hallo Jufie,

    Es ist 2 Uhr nachts und wir haben gerade eben Wutanfall unseres Kleinen hinter uns.
    Es tut mir so leid mitanzusehen, wie er einfach nicht weiß, wohin mit sich selbst 🙁
    Wälzt sich auf dem Boden und schreit und alleine ihn anzusehen, macht ihn noch wütender.

    Ich danke dir, dass du hier mit der Welt teilst, wie es dir geht und wie du mit diesen Momenten umgehst! Ich hoffe, dein Strahlemann ist eine Phase weiter 🙂

    Liebe Grüße, Andy

  6. Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Gerade ist mein kleiner Wüterich eingeschlafen. Meine eigene Wut nach einer Stunde habe ich gerade nur mit diesen Beitrag einfangen können. Danke für diesen guten Text!

  7. Mir ist, als ob der Text über unseren Strahlemann (gerade 2) und mich geschrieben wurde…
    Bin froh, ihn nach einer solchen beinahe all- nächtlichen Wutattacke gefunden zu haben, aber kann nicht schlafen, weil es mir dieses Mal nicht gelungen ist, nach einer gefühlten Ewigkeit ohrebbetäubenden Gebrüll und um sich treten die Wut einzuladen.
    Heute habe ich geschimpft und bin irgendwann aus dem Bett raus, um zu heulen.
    Mein Mann hat dann übernommen und der Spuk ging vorbei. Aber plötzlich ist da eine Kluft zwischen unserem Strahlemann und mir, die mir das Herz zerreißt.

    Hoffentlich gelingt es mir bald wieder besser, mein Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe hinten anstehen zu lassen.

    Danke von Herzen für den Text.

    1. Mir geht es heute ganz genauso. Ich wünschte, ich könnte Dich drücken. Auch wenn wir uns gar nicht kennen.

      1. Oh, wie lieb. Ich drücke zurück und wünsche dir ganz viel Kraft und gute Nerven für diese nervenzehrende Begleitung. Es ist wirklich so unglaublich anstrengend. Versuche deinen Tank sooft wie es geht aufzufüllen. Liebe Grüße, Julia

  8. Der Text könnte von mir stammen! Leider ist unser Sohn nun bald schon fünf und hat immer noch solche Wutanfälle. Ich bin im Moment wieder schwanger (3. Kind) und es scheint, es wird wieder schlimmer als besser. Zum Glück beruhigt ihn am Ende, wenn ich ihn erst einmal in Ruhe gelassen habe, doch nur noch Kuscheln, so dass sich die Distanz zwischen uns wieder aufhebt ❤️ Aber bis dahin muss man sich echt gedanklich auf einen anderen Planeten beamen – die Angst, dass nämlich der kleine Bruder davon wach wird ist sehr stressig!! Alles Gute

  9. Es ist 3:27 und ich liege wach im Bett – der Kleine Wüterich (2) schläft nach 45 Minuten nächtlichem Wutanfall wieder. Und einer Milch. Mir laufen die Tränen runter, weil ich mich bisher so allein und hilflos damit gefühlt hab. Mit diesem extremen Level. Und ich mich so sehr bemühe liebevoll und geduldig zu sein, mir es Nachts aber oft schwerfällt. Aber Dein Text ermutigt mich, es einfach weiter zu versuchen. Und die Wut einzuladen, was für eine gute Idee! Bei uns hilft am Besten in intensiven Phasen bei ihm zu schlafen. Und genau wie bei Dir, ihm Raum zu geben bis er bereit ist, Trost zu zu lassen.

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