Alternatives Familienleben: Als Familie auf Langzeitreise

Immer mehr Familien wünschen sich ein einfacheres Leben mit weniger Stress, geringeren finanziellen Verpflichtungen und vor allem mehr Zeit und mehr Gemeinschaft. Immer mehr Familien sind daher auf alternativen Pfaden unterwegs. Viele andere fühlen sich oft getrieben, sind unzufrieden mit ihrem Familienmodell und sehnen sich nach Veränderung.

Mit meiner neuen Interviewreihe rund ums alternative Familienleben möchte ich die Vielfalt von Familien aufzeigen, euch inspirieren und all denjenigen Mut machen, die sich eine Veränderung wünschen. Ich stelle euch daher Familien vor, die ihren ganz eigenen Weg zu leben gefunden haben oder dabei sind, ihn zu ebnen. Ob kindergartenfrei, in einer Jurte wohnen, ohne Schule leben oder als Familie auf Langzeitreise – die Wege sind so vielfältig wie die Familien selbst. Allen Familien gemein ist der Mut genau hinzuschauen, sich auf die Suche nach passenderen Lösungen zu begeben und das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Als Familie alternativ und frei zu leben, ist in Deutschland aufgrund der Schulpflicht und etlicher einengender Glaubenssätze nicht immer einfach. Meine Freundin Julia von Textilsucht hat daher zusammen mit ihrem Mann und den beiden Söhnen kurzerhand die Sachen gepackt und ist in den Wohnwagen gezogen.

 

Liebe Julia, ihr seid jetzt seit Dezember unterwegs. Wie fühlt es sich an als Familie auf Langzeitreise zu sein? An wie vielen verschiedenen Orten wart ihr bis jetzt?

Wir sind auf direktem Weg von Deutschland nach Spanien gefahren, um schnell in den warmen Süden zu kommen. Wintercamping hat zwar auch seinen Charme, aber wir bevorzugen es warm und trocken. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl einfach so lange an einem Ort sein zu können, wie es sich gut anfühlt. Passen die Bedingungen nicht mehr geht es weiter.

Ist es nicht manchmal ganz schön beengend zu viert in einem Wohnwagen zu leben?

Ja, es gibt natürlich Momente in denen wir uns in die Quere kommen. Gerade am Morgen vor dem Waschbecken wird es manchmal eng. Ansonsten verbringen wir aber die meiste Zeit des Tages draußen und fühlen uns keineswegs beengt in unserem Wohnwagen. Ein großer Vorteil von so wenig Wohnraum ist auch, dass der Haushalt schnell erledigt ist.

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, als Familie auf Langzeitreise zu gehen? Was waren eure Hauptbeweggründe?

Wir sind schon immer gern gereist. Mit einer festen Wohnung war es aber immer nur möglich kurze Urlaubsreisen zu unternehmen. Es musste ja sowohl die Wohnung als auch der Urlaub finanziert werden. Diese Verpflichtung haben wir nun nicht mehr und sind so viel freier und flexibler. Ein weiterer ausschlaggebender Punkt war der strenge Schulzwang, welcher in Deutschland herrscht. Wir sind keine Schulgegener, aber wir sind auch nicht davon überzeugt, dass jedes Kind mit 6 Jahren bereit ist, lesen und schreiben zu lernen.

Wann habt ihr angefangen eure Reise zu planen? Wieviel Vorlaufzeit hattet ihr, bevor ihr euch als Familie auf Langzeitreise begeben habt?

Wir haben etwa fünf Monate bevor es los ging angefangen, unseren Hausrat zu verkaufen. Unseren Mietvertrag haben wir vier Monate vor Auszug gekündigt. Nach unserem Auszug hatten wir noch einen Monat in Deutschland verbracht. Das war auch gut so, denn es haben sich noch einige Dinge ergeben, die es zu regeln und organisieren gab. Die Zeit der Wohnungsauflösung war teilweise sehr kräftezehrend, aber ich würde es wieder so machen.

Was waren die bedeutendsten Momente eurer bisherigen Reise?

Da gibt es einige und es werden sicher noch viele dazu kommen. Die Erkenntnis, dass man seine Probleme und Baustellen nicht zuhause lässt, sondern auch auf Reisen immer dabei hat, war ein wichtiger Moment.

Welche Vorteile hat für dich das Reiseleben und welche Nachteile siehst du daran, als Familie auf Langzeitreise zu sein?

Ich sehe es absolut als Vorteil immer flexibel nach unseren aktuellen Bedürfnissen als Familie entscheiden zu können. Nachteile sehe ich keine. Es sind eher kleine Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Aber die waren in unserem Alltag mit fester Wohnung auch da.

Reisen ist ja nicht immer schön. Was war das bisher Herausforderndste auf eurer Reise?

Herausfordernde Momente gab es trotz der kurzen Zeit schon einige. Ein besonders aufregender war folgender: Wir wollten meinen Laptop laden. Der Motor vom Auto lief. Das Auto verriegelte sich und die Fernbedienungen stiegen aus. Der Notfallschlüssel steckte abgebrochen im Schloss. Das war wirklich grandios. Aber auch solche Situationen haben einen schönen Lerneffekt und die wichtigste Erkenntnis ist die, dass sich alle Probleme lösen lassen.

Was fehlt euch am meisten?

„Unsere“ Menschen aus Deutschland. Man trifft zwar auf Reisen immer wieder auf ähnlich lebende Menschen und Familien aber nicht immer ist auch einen Verbindung zueinander da.

Als Familie auf Langzeitreise zu gehen, ist ja eher ungewöhnlich. Wie waren und sind die Reaktionen aus eurem Umfeld?

Manche finden es mutig, manche können sich so etwas gar nicht vorstellen. Wir haben überwiegend Zuspruch erhalten und ich übe mich sehr darin, die Ängste anderer nicht auf mich selbst zu übertragen.

Ihr habt in Deutschland euren kompletten Hausrat aufgelöst. War es schwierig sich von all den Dingen zu trennen? Was habt ihr aufgehoben und wo lagert das nun?

Wir haben eine kleine Lagerbox, in der wir unser selbstgebautes Bett, etwas Kleidung und Spielzeug eingelagert haben. Inzwischen möchten wir dieses Lager aber noch etwas weiter verkleinern und werden das in den Sommermonaten angehen. Wir haben die Lagerbox zwei Monate vor unserem Auszug angemietet und stückweise Dinge dort hingebracht. Es war tatsächlich nicht schwer sich von vielen Sachen zu trennen, da wir auch vorher schon wussten, dass wir eigentlich nicht viel brauchen.

Viele Familien träumen von einem leichteren Alltag und wünschen sich mehr zu reisen. Oft scheitert es an den Finanzen oder sind die Grenzen da eher im Kopf? Was würdest du anderen Familien raten, die als Familie auf Langzeiteise gehen wollen?

Wir haben viele Familien kennengelernt, die alle ganz unterschiedliche Vorraussetzungen und finanzielle Situationen mitbringen. Einige leben von ganz wenig Geld, andere haben noch ein Geschäft in Deutschland oder arbeiten von unterwegs. Alle haben aber eine Gemeinsamkeit, nämlich die ganz bewusste Entscheidung für das Reisen. Ich denke, oft liegen die Grenzen tatsächlich nur im Kopf und es findet sich immer ein Weg, wenn man etwas wirklich will.

Wie finanziert ihr eure Reise?

Wir haben uns mit Textilsucht ein profitables Onlinebusiness aufgebaut und können so von unterwegs aus arbeiten.

Wie lange wollt ihr als Familie auf Langzeitreise sein?

Wir haben erstmal grob zwei Jahre geplant aber Pläne ändern sich ja bekanntlich manchmal.

Habt ihr eure Reisestrecke im Vorfeld geplant oder seid ihr eher spontan und nehmt mit was kommt?

Wir haben tatsächlich gar nichts im Vorfeld geplant und auch wenn wir unterwegs mal Pläne machen, ändern sich diese in der Regel wieder.

Wo seht ihr euch in ein paar Jahren? Habt ihr da genauere Pläne?

Ich sehe uns in einigen Jahren vielleicht nicht mehr dauerreisend, kann es mir aber momentan auch nicht vorstellen, wieder genauso zu leben wie vor der Reise.

Wollt ihr wieder zurück nach Deutschland kommen? Bzw. was müsste sich hier ändern, dass euch die Entscheidung leichter fallen würde?

Ganz klar der Schulzwang und das Wetter im Winter. 😉

 

Seid auch ihr mit eurer Familie auf eher ungewöhnlichen Pfaden unterwegs und habt Lust mir etwas darüber zu erzählen? In meiner Beitragsreihe „alternatives Familienleben“ möchte ich die bunte Vielfalt von Familien vorstellen und freue mich daher sehr über Berichte und Interviews rund ums alternative Wohnen, selbstbestimmte Geburt, freies Lernen, kindergartenfreies Leben, selbstbestimmtes und ortsunabhängiges arbeiten und Querdenken ganz allgemein. Schreibt mich also gerne an. Ich freue mich!

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