Freilernen - 8 Argumente dagegen - Familiengarten

Freilernen: 8 Argumente dagegen und meine Antworten darauf

Freilernen stößt auf jede Menge Vorurteile und viele Fragen. Stellt es doch alles auf den Kopf, was die meisten Menschen unter Lernen verstehen. Hier schaue ich mir die gängigsten Argumente gegen das Freilernen an und nehme Stellung dazu.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass es jede Menge Argumente und Vorurteile gegen das Freilernen gibt. Stellt es doch alles in Frage, was wir je über das Lernen und Schule gedacht haben. Prallen einmal verschiedene Meinungen aufeinander, kommt es leider selten zu einem wertschätzenden Dialog. Mit diesem Artikel wage ich eine Annäherung und versuche möglichst sachlich auf die weitverbreiteten Argumente gegen das Freilernen einzugehen. Was oft in einem Gespräch nicht (mehr) möglich ist, kann schriftlich vielleicht für ein klein wenig Verständnis sorgen.

Habt ihr immer wiederkehrende Diskussionen mit der besorgten Familie oder Freunden?

Oder hast du vielleicht selbst noch den ein oder anderen Vorbehalt gegen das Freilernen?

Dann finbdest du hier eine Argumentationshilfe und einen Erklärungsversuch.

Bei allem Verständnis für sich sorgende Familie, Freunde oder Bekannte, möchte ich gerne etwas anmerken, denn auch mir sind diese Diskussionen bestens vertraut: Am Ende des Tages geht es nicht darum, die „andere Seite“ vom Freilernen zu überzeugen, sondern den eigenen Standpunkt möglichst klar und selbstbewusst zu vertreten. Das muss nicht immer wieder und wieder sein. Denn um Entscheidungen anderer Menschen zu akzeptieren, ist es nicht zwingend notwendig alles im Detail nachvollziehen zu können. Es reicht anzuerkennen, dass sie für sich und ihre Familie aus gutem Grunde handeln. Dazu gehört aber auch zu akzeptieren, dass wir erwachsene Menschen sind, die ihre eigenen Entscheidungen treffen. Niemand muss diese gutheißen, niemand muss diese gänzlich verstehen. Es ist dennoch möglich einander wertschätzend zu begegnen, wenn man es schafft, sich nicht davon angegriffen und getriggert zu fühlen.

Ohne Schule lernen Kinder nichts

Wir Menschen lernen immer und überall. Nicht zu lernen, geht nicht. Kinder sind wissbegierig: Sie stellen ohne Ende Fragen, wollen Dinge ausprobieren, uns nachahmen und Dinge verstehen. Lernen ist also etwas Natürliches, dass sich gar nicht verhindern lässt. Es sei denn, wir machen einen Zwang daraus…

Auch Freilernen verhindert dieses Lernen nicht. Im Gegegenteil, es möchte genau diesen inneren Antrieb erhalten und bewahren. Freilernen ist Lernen in seiner Reinform. Es folgt den ureigenen Interessen des Kindes.

Die Frage wäre eher, ob beim Freilernen das gleiche gelernt wird, wie in der Schule und ob das zum selben Zeitpunkt passiert?

Das ist höchst unterschiedlich und kommt auf das jeweilige Kind an. Aber generell wird das eher nicht der Fall sein. Denn wir alle haben unterschiedliche Interessen, verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten und vor allem ganz individuelle Lernfester. Manche Kinder lernen mit fünf bereits lesen, weil das für sie gerade dran ist. Andere erst deutlich später. Sie sind dafür möglicherweise motorisch unglaublich begabt und machen Überschläge und schlagen Räder, die nächsten sind wandelnde Dinosauerierforscher. Lernen beschränkt sich nicht nur auf den Schulstoff, es umfast alles, was uns umgibt und kann zu ganz und gar unterschiedlichen Zeitpunkten passieren.

Es sollte aber nicht nur betrachtet werden, was beim Freilernen nicht gelernt wird. Denn wer einen solchen Vergleich anstrebt, sollte bedenken, dass beim schulischen Lernen etwa 80 Prozent des Wissens wieder verloren geht. Was für eine unglaubliche Zahl! Es kommt daher nicht so sehr darauf an was gelernt oder nicht gelernt wird, sondern ob es für das jeweilige Kind zum jeweiligen Zeitpunkt auch relevant ist. Denn nur dann bleibt uns dieses Wissen auch nachhaltig erhalten.

Aber alle Kinder müssen zur Schule gehen. Das ist nun mal so

Das etwas schon immer so war, ist nicht zwingend ein gutes Argument. Denn wir und unsere Gesellschaft entwickeln uns weiter. Dinge verändern sich, neue Anforderungen entstehen. Aber auch neue Erkenntnisse werden erlangt. Wir wissen heute, dass Lernen nicht unter Zwang funktioniert. Ebenso wie wir wissen, dass nachhaltiges Lernen aus sich selbst heraus stattfinden muss.

Es ist aber auch schlicht und ergreifend nicht richtig. Denn auch wenn die allermeisten Kinder eine Schule besuchen, steht Deutschland mit der strikten Verknüpfung von Lernen und Schule weltweit ziemlich alleine da. In den aller meisten Ländern ist das Lernen nicht auf den Ort Schule beschränkt. Eine Schulgebäudeanwesenheitspflicht, wie sie in Deutschland existiert, gibt es in den allermeisten Fällen nämlich nicht. Es sind also auch andere Bildungswege anerkannt. Ob und in welcher Form es Vorgaben gibt, ist von Land zu Land verschieden. Dieses Thema ist spannend und definitiv einen detaillierten Beitrag wert, sprengt hier aber leider den Rahmen.

Freilernen - machen Kinder dann nur noch was sie wollen - Familiengarten

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Freilerner spielen den ganzen Tag und machen was sie wollen

Ja, ohne Schule spielen Kinder die allermeiste Zeit. Denn Kinder lernen durchs Spiel. Sie spielen erlebtes nach, erspielen sich unterschiedliche Strategien für bestimmte Lebenssituationen, sie verarbeiten spielerisch Informationen, sie lernen in Interaktion mit den Mitspielenden und sie erfahren ganz praktische Dinge. Es ist also gerade das Spiel, dass sie lernen lässt. Unsere erwachsene Aufteilung in Arbeit und Vergnügen ist eine rein künstliche und ist dem Lernen eher hinderlich. Denn durch das Spielen lernen Kinder ihre Welt begreifen.

Für freilernende Kinder gibt es keinen Unterschied zwischen Spielen und Lernen, weshalb sie mit der gleichen Begeisterung zum Beispiel Lego spielen, wie sie auch Lesen oder rechnen lernen. Genau hier liegt meiner Meinung nach ein unschätzbarer Wert, der durch Zwang nur allzu oft verloren geht und in vielen Fällen Jahrzehnte braucht, um wieder aktiviert zu werden. Oft bleibt das Lernen sogar ein Leben lang negativ behaftet, was nicht nur schade für den einzelnen ist, sondern uns als Gesellschaft langfristig schadet. Denn innovative Ideen, der Mut neue Dinge auszuprobieren und so vieles mehr, lebt von unserer intrinsischen Motivation, unserer Lust darauf Neues zu erlernen und auszutesten.

Freilernende Kinder machen sicher oft, was sie wollen. Das ist aber nichts Schlechtes. Ist es doch gerade unsere innere (intrinsische) Motivation, die uns antreibt und uns über uns hinauswachsen lässt. Sie ist unser innerer Motor, der uns anspornt, auch anstrengende oder unliebsame Dinge zu tun. Sie ist das Leuchten und Funkeln in den Augen und daher unglaublich wertvoll. Aber auch Freilerner stoßen auf (natürliche) Grenzen ihrer Mitmenschen und bestimmter Gegebenheiten. Sie leben nicht in einem luftleeren Raum.

Kinder, die keine Schule besuchen, sind isoliert und ohne soziale Kontakte

Auch Freilerner treffen auf andere Menschen. Freilernen ist nicht gleich Distanzlernen und Kontakte zu anderen Menschen jeden Alters sind erwünscht. Die meisten Freilerner sind gut untereinander vernetzt, zudem besuchen auch Freilerner Vereine, machen Unternehmungen oder sind gar reisend unterwegs. Kontakte und Freundschaften sind also nicht auf einen Schulbesuch beschränkt.

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Das ganze Wissen können Eltern doch niemals vermitteln

Beim Freilernen gibt es niemandem, der oder die dem Kind etwas aktiv beibringt. Es geht also nicht um bloße Wissensvermittlung. Eltern sind LernbegleiterInnen, die ihren Kindern einen geeigneten Rahmen bieten und sie begleiten. Sie müssen aber nicht über alles Wissen verfügen, sie können genau so gut mit den Kindern gemeinsam recherchieren. Auch helfen sie gegebenenfalls dabei Menschen zu finden, die sich mit speziellen Themen auskennen.

Außerdem kann ich dieses Argument nicht stehen lassen ohne darauf zu verweisen, dass wir ja alle in der Schule waren und somit doch weitestgehend auch über dieses Wissen verfügen müssten…

Freilernen - 8 Argumente - dagegen und meine Antworten darauf - Familiengarten

Kinder müssen aber gefördert und motiviert werden

Diese Ansicht ist weitverbreitet und Förderung im weitesten Sinn ist sicherlich auch sinnvoll. Allerdings verstehe ich darunter wohl etwas anderes, als allgemeinhin damit verbunden wird. Natürlich sollten Kinder in dem, was sie gerne machen, gefördert werden. Im Sinne von unterstützt. Dafür braucht es aber keine extrinsische Motivation, keine Noten, Bienchen oder sonstige Formen von Lob. In dem wir erkennen, mit was sich unsere Kinder gerne beschäftigen wollen und wir ihnen eine passende und anregende Umgebung bieten, fördern wir sie. Mehr braucht es nicht. Eine gießkannenartige Förderung aller Kinder zur gleichen Zeit, unabhängig davon, ob sie dies nun gerade brauchen oder wollen, halte ich für alles andere als zielführend.

Natürlich ist mir klar, dass nicht alle Kinder in einer für sie optimalen Umgebung aufwachsen können. Gerade diese ist es aber, die Lernen überhaupt erst möglich macht. Eine Schulgebäudeanwesenheitspflicht löst das Problem nicht ansatzweise. Wie auch die Möglichkeit andere Bildungswege zu nutzen niemandem die Schule wegnimmt. Ausführlicher habe ich diese Sorge hier betrachtet.

Aus Freilernern wird ohne Abschluss nie was werden und den Chef können sie sich später ja auch nicht aussuchen

Zum einen sind Kinder bereits. Sie müssen nicht erst etwas werden. Zum anderen sollte Kindheit meiner Meinung nach nicht größtenteils der Vorbereitung auf das spätere Erwerbsleben dienen. Vielmehr sollte es eine möglichst unbeschwerte Zeit sein, in der Kinder sich und die Welt möglichst frei entdecken können.

In Deutschland lässt sich aber auch jeder Abschluss extern nachholen. Zudem gibt es immer mehr Firmen, die Noten nicht mehr aussagekräftig finden und BewerberInnen nach ganz eigenen Kriterien auswählen.  Und wer sagt eigentlich, dass man sich Chefinnen und Chefs nicht aussuchen kann oder dass sie nicht einfach ihre eigenen Vorgesetzten werden?

Freilerner werden nicht auf das richtige Leben vorbereitet

Was ist denn dieses richtige Leben eigentlich?

Genau wie unsere Kinder ist das Leben schon. Es muss nicht noch irgendwie werden. Außerdem wissen wir heute nicht, wie das Leben Morgen aussehen wird und welche Anforderungen es dann gibt. Wir wissen dafür aber, dass es definitiv nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Das „echte“ Leben ist auch kein starres unbewegliches System. Wir alle können es formen und verändern und sollten dies auch dringend tun. Daher halte ich nicht viel davon Kinder auf den „ernst“ des Lebens vorzubereiten. Viel sinnvoller und viel nachhaltiger ist es meiner Meinung nach, jetzt und hier alles daran zu setzen, die Welt besser für unsere Kinder zu machen. Nicht sie müssen passend für das System gemacht werden, sondern das System muss an die Bedürfnisse von uns Menschen angepasst werden. Auch mag das Leben nicht immer nur positiv sein. Unser Ziel sollte doch aber dennoch darin bestehen, es so erfüllend wie möglich zu gestalten.

Vorurteile gegen das Freilernen und wie du kontern kannst - Familiengarten

Wie ist das bei dir, fallen dir noch weitere Argumente ein, die häufig gegen das Freilernen angebracht werden oder hast du selbst noch Fragen dazu? Kennst du diese oft ermüdenden Diskussionen oder hast du das Glück in deinen Entscheidungen voll und ganz angenommen zu werden? Erzähl es mir doch gerne in den Kommentaren.

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