Ohne Fremdbetreuung? Unser Weg zu Kindergartenfrei

Es gibt ja so Themen, die sind so richtig heiß. Das Thema Fremdbetreuung ist definitiv eins davon. Daher möchte ich vorwegnehmen, dass ich hier über meine ganz eigenen persönlichen Gedanken und Empfindungen schreibe. Ich beschreibe unseren Weg zu Kindergartenfrei und möchte niemanden für eine andere Lebensweise verurteilen, auch eine gernerelle Kritik an Fremdbetreuung liegt mir fern. Ich möchte niemanden dazu nötigen Kindergartenfrei zu leben, aber ich möchte zum Nachdenken anregen und mehr Akzeptanz für andere Lebenswege einfordern.

Vor allem aber möchte ich all diejenigen bestärken, die wie wir im Zweifel sind. Mit diesem Blog im Allgemeinen und diesem Artikel im Speziellen will ich Mut machen, offen für andere Wege zu sein und aktiv das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Hört auf euer Bauchgefühl, macht euch frei von festverankerten Glaubenssätzen und hört vor allem auf euer Kind. Euer Kind geht aber gern in den Kindergarten? Es blüht dort auf und liebt seine ErzieherInnen? Super, das freut mich! Denn darum geht es mir, es müssen alle Familienmitglieder glücklich sein.

Ich finde es fatal, wenn schon Kleinkinder oder gar Babys dazu genötigt werden, irgendetwas durchzustehen, nur weil man das eben so macht und sie sich ja daran gewöhnen müssen. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof, nicht wahr? In meinen Augen sollte es aber sehr viel mehr Ponyhof sein, wir haben immerhin nur dieses eine. Eine zweite Chance gibt es nicht.

Kitaplatz schon in der Tasche?

Das Wirbelmädchen war noch ein apfelgroßes Etwas in meinem Bauch, da hörte ich die Frage zum ersten Mal: „Habt ihr denn schon einen Kita-Platz?“ Zunächst dachte ich ehrlichgesagt noch an einen Scherz, aber je weiter die Schwangerschaft fortschritt, desto häufiger wurde ich mit dieser Frage konfrontiert und desto vehementer die Reaktion meines Gegenübers. Nun müssten wir uns aber endlich kümmern. Es gäbe sonst keinen Platz mehr, die Wartelisten wären schließlich voll. Mir ging es nicht sonderlich gut in der Schwangerschaft, mir fehlte die Kraft, mich darum zu kümmern und tief in mir drinnen war ich da wohl auch einfach schon am Zweifeln. Ich hatte allerdings auch das Privileg einer Teilzeitstelle und einer griffbereiten Oma, die ebenfalls nur Teilzeit arbeitete. Von Kindergartenfrei waren wir da aber trotzdem noch weit entfernt.

Der Gedanke, mein Kind bereits weg zu organisieren bevor es überhaupt bei uns ist, fühlte sich für mich dennoch merkwürdig an. Ich kannte diesen Menschen doch noch nicht mal, hatte keine Vorstellung, wie das Leben mit diesem kleinen Wesen sein wird, wer da zu uns kommt. Wie kann ich dann entscheiden, wo ich diesen Menschen mal lassen will? Auf was sollten wir überhaupt achten? Ok, Bioessen war uns wichtig. Am besten selbstgekocht. Und nette Erzieher natürlich. Aber mehr wussten wir nicht. Öko wäre gut. Hm. Halbherzig führte ich ein Telefonat und ließ uns auf die Warteliste setzen. Mehr wollte und konnte ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht geben.

Die Welt steht Kopf

Nach einer ziemlich traumatischen Geburt, war das Wirbelmädchen dann endlich da und unsere Welt stand Kopf: Sie schrie und schrie und schrie. Und habe ich das Schreien schon erwähnt? Naja, leicht war jedenfalls anders. Plötzlich sah ich mich mit einem kleinen dauerfordernden Baby konfrontiert, dass ich schlicht nicht verstand. In diesem ganzen Durcheinander kam mir die Frage nach einem Betreuungsplatz wirklich nicht in den Sinn. Auch sonst war alles eher ein dicker Nebelfilm, dazu aber demnächst an anderer Stelle mehr.

Die Zeit verging und das Betreuungsthema wurde zu einem echten Bauchschmerzthema. Ich wollte sie nicht abgeben und konnte mir auch absolut nicht vorstellen wie das gehen sollte. War sie doch ein sehr bedürftiges Baby, dass enorm viel Nähe benötigte. Aber gut, andere Kinder braucht sie ja schließlich. Ist ja klar. Und ob ich ihr das alles so bieten kann? Hm. Als sie 1,5 Jahre war, fing ich wieder an zu arbeiten und die Oma übernahm die Betreuung. Da ich praktisch noch in der Elternzeit gekündigt wurde, war das nur von kurzer Dauer. Dem Wirbelmädchen ging es zwar sehr gut bei der Oma, die Trennung fiel ihr dennoch ziemlich schwer. (Im Nachhinein finde ich es übrigens sehr schade, dass ich ihr nicht dieselbe Möglichkeit gegeben habe, wie ihrem Bruder. Muss das doch eine unglaublich tolle Erfahrung sein, selbst entscheiden zu dürfen, wann man bereit ist, sich von Mama zu lösen. Für beide Seiten übrigens…).

 

Ohne Fremdbetreuung geht es nicht?

Genau als ich wieder schwanger war, bekamen wir einen Betreuungsplatz in der Kleinkindgruppe vom Waldorfkindergarten. Was für ein Glück! Schließlich sollte das Geschwisterkind ja bereits gut eingewöhnt sein, bevor ein Baby kommt. Sie sollte sich ja nicht abgeschoben fühlen (hm, obwohl es nun aber ja doch genau darum ging…). Das erschien uns absolut schlüssig. Zudem war da noch die panische Angst, zwei Kindern zu Hause nie und nimmer gewachsen zu sein. Kindergartenfrei mit Kleinkind und Baby konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch absolut nicht vorstellen. Das hatte natürlich mit unseren Erfahrungen mit dem Wirbelmädchen zu tun. Was wenn wir wieder ein „Schreibaby“ bzw. High Need Baby bekommen? Das würde ich doch nie und nimmer schaffen, war und ist doch das Wirbelmädchen nach wie vor sehr Aufmerksamkeitsfordernd.

Tatsächlich war das eine enorme Herausforderung und rückblickend muss ich sagen, dass es für uns alle eine echt schwere und anstrengende Zeit war. Ein Kindergarten kann da natürlich durchaus Entlastung bringen (hier sollte allerdings genauer hingeschaut werden. Bei uns hielt sich die Erleichterung wirklich in Grenzen). Schade finde ich aber, dass es so dermaßen absolut unmachbar erscheint zwei Kinder selbst zu betreuen. Da stimmt doch was nicht? Wieso kann es nur diesen einen Weg geben und warum wird uns Eltern weiß gemacht, wir wären nicht gut genug für unsere Kinder? Wieso sollten das denn bitte schön zwei ErzieherInnen mit 15 Kindern besser hinbekommen (was für Thüringen schon ein recht guter Betreuungsschlüssel ist…)? Die Belastung als einzige Bezugsperson möchte ich damit allerdings nicht runterspielen…

Nicht ohne Mama

Kurz nach ihrem zweiten Geburtstag ging mein Wirbelmädchen also zum Kindergarten. Es war ein sehr schöner und ruhiger Ort, der für uns sehr kindgerecht schien. Ich war lange, lange Zeit mit dabei und gab ihr alle Zeit der Welt. Sie schien sich soweit ganz wohl zu fühlen und fand es spannend. Nur gehen durfte ich nicht. Den ersten Versuch werde ich wohl nie vergessen. Tränenüberströmt schrie sie wie am Spieß „Mama Julia, Mama Julia“ und ich nahm sie wieder mit. Obwohl wir hier von einer sehr bedürfnisorientierten Einrichtung sprechen, kam immer häufiger auf, dass wir Eltern auch selbst davon überzeugt sein müssten und dass das Wirbelmädchen sich nun auch daran gewöhnen müsse.

Ich sehe das heute komplett anders. Meiner Meinung nach ist es nicht unsere Unsicherheit gewesen, weshalb unsere Tochter nicht dort bleiben wollte. Ich bin davon überzeugt, dass es genau andersrum war. Wir als Eltern spüren ob sich unser Kind wohlfühlt. Da dem nicht so war, fiel es uns verständlicherweise schwer, sie dort lassen zu müssen.

Auch gibt es in meinen Augen einfach viel zu wenig Verständnis dafür, dass es Kinder gibt, die sich (noch) nicht von ihren Eltern lösen können und sich in einer Einrichtung mit vielen anderen Kindern nicht wohlfühlen. Von allen Seiten wird ihnen unterstellt, Spaß haben zu müssen. Der Kindergarten ist doch schließlich das tollste was es gibt. Hier schwingt auch einfach das Nichternstnehmen der Kinder mit rein. Wie soll so ein kleiner Mensch denn auch wissen können, was ihm guttut und was nicht? Klar, es gibt viele Kinder, denen das nichts ausmacht. Es gibt auch Kinder, die den ganzen Trubel toll finden. Es gibt aber eben auch die anderen.

Störend finde ich, dass das komplett ignoriert wird. Kinder sind Menschen und Menschen sind verschieden. Es gibt viele Menschen, die es ruhiger brauchen. Die weniger gut mit Reizen umgehen könne, die Stress schlechter verarbeiten können und genau das bedeutet Kindergarten für viele Kinder. Auch bei allem Spaß ist es Stress. Es ist anstrengend sich die ganze Zeit beweisen zu müssen, den ganzen Tag zu kooperieren, noch dazu ohne Mama und Papa. Es ist vergleichbar mit einem Arbeitstag und so wie wir Großen auch, steckt das eben auch jedes Kind anders weg.

Ich höre es schon in meinen Ohren: „Aber wir müssen da ja auch durch und können nicht einfach zu Hause bleiben, wenn wir nicht arbeiten gehen wollen. Und wie soll das später mit der Schule werden?“ Naja, müssen tun wir das nicht. Wir sind nicht gezwungen dazu. Wir können uns selbst entscheiden. Immer. Außerdem sind wir eben nicht zwei, drei oder fünf Jahre alt, sondern Erwachsene Menschen. Wir werden nicht fremdbestimmt zur Arbeit gebracht und können klar artikulieren was wir brauchen und wollen.

Immer mehr Schwierigkeiten

Je weiter die Schwangerschaft fortschritt, desto schwieriger wurde das Bringen für mich, vor allem auch emotional. Wie häufig in solchen Situationen sollte nun mein Mann das Bringen übernehmen. Kinder lösen sich wohl meist leichter von den Vätern. Und mein Unwohlsein würde sich ja ohnehin übertragen… Allerdings war auch bei meinem Mann die Trennung nicht viel einfacher. Das Wirbelmädchen war wohl ganz gern im Kindergarten aber eben nicht ohne uns. Es wollte auch früh nicht hin und wurde immer häufiger krank. Für uns fühlte sich das alles nicht besonders richtig an. Wenn wir sie abholten, brach sie in Tränen aus. Das fand ich merkwürdig. Sollte sie sich nicht eigentlich über uns freuen? Angeblich war vorher doch aber alles in bester Ordnung? Was war da nur los? Hm. Oft ignorierte sie uns auch weitestgehend. Komisch.

Heute weiß ich, dass in diesem Moment wohl einfach aller Druck von ihr abgefallen ist. Sie hat vorher funktioniert. Woher ich das weiß? Hundertprozentig wissen tue ich es freilich nicht. Ich kenne aber diese Situation von mir selbst und habe exakt dieses Verhalten bei mir festgestellt als ich mit beiden Kindern in der Anfangszeit alleine war. Sobald der Schlüssel meines Mannes zu hören war, brach es aus mir heraus. Entweder schrie ich plötzlich rum oder ich brach mit einem Mal in Tränen aus. Für meinen Mann sah es so aus, als wäre das hier den ganzen Tag so. Das war es aber nicht. Hätte es einen anderen Beobachter gegeben, wäre die Verwunderung wohl ähnlich groß gewesen wie bei den Betreuerinnen des Wirbelmädchens. „Huch, was denn nun los? Eben war doch noch alles in bester Ordnung?“ Nein, war es nicht. Mir ging es zu diesem Zeitpunkt ganz gewiss nicht gut, man hat es mir nur nicht angemerkt. Ich habe schlicht funktioniert. Habe ein Programm abgespult, da ich wusste, dass es sich ohnehin nicht ändern lässt. Innerlich war ich aber total angespannt, bis auf Anschlag überlastet und hatte Sorge den Tag gut zu überstehen.

Es stimmt mich absolut traurig, dass ich das nicht schon viel früher sehen und verstehen konnte, wie es meinem kleinen Wirbelmädchen da ging. Auch weiß ich heute nicht mehr, wieso wir nicht auf unser Gefühl vertraut haben. Warum haben wir uns von Außen so verblenden lassen? Wir hatten ja nun von Anfang an kein gutes Gefühl dabei. Wir haben uns blenden lassen von der rosaroten Kindergartenbrille. Ist es doch ein so toller Ort für Kinder.

Ich will den Kindergarten nicht schlecht reden. Aber das vorherrschende Bild der heilen Kindergartenwelt kann und möchte ich ebenso wenig aufrecht erhalten. Es ist eben ein Ort, an dem Kinder ihren Tag verbringen damit Eltern arbeiten gehen können. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin davon überzeugt, dass es eher die Eltern sind, die den Kindergarten brauchen (dafür wurde er schließlich auch gemacht), als umgekehrt. Was natürlich nicht trotzdem heißen kann, dass sich Kinder dort auch wohlfühlen und dass es sehr liebevolle und einfühlsame Menschen gibt, die sich um die Kinder kümmern. Es ist aber eben sehr individuell und natürlich auch von der jeweiligen Einrichtung und den Betreuuern abhängig.

Endlich Kindergartenfrei

Nunja, die Zeit verging. Als der Strahlemann drei Monate alt war, gingen wir auf Elternzeitreise. Acht Wochen verbrachten wir zusammen in unserem Bus auf Tour und reisten durch Kroatien. Immer wieder führten wir Gespräche wie es danach weitergehen soll. Das Wirbelmädchen verlor nicht ein einziges Wort über den Kindergarten, erwähnte kein einziges Kind oder gar die Betreuerin. Sie zeigte uns damit recht deutlich, dass sie absolut nichts vermisst und wir ihr völlig genügen. Auch wir sahen die Vorzüge kindergartenfrei zu leben. Denn wir konnten so viel mehr auf ihre Bedürfnisse eingehen. Auch war sie deutlich weniger überreizt und aggressiv.

Ich hatte dennoch einen heiden Respekt davor, schließlich waren wir hier in Kroatien nicht in unserem Alltag und vor allem war mein Mann den ganzen Tag dabei. Wir beschlossen abzuwarten, wie es sich entwickeln würde und dann gegebenenfalls zu reagieren.  Als wir wieder da waren, wurde sie eigentlich sofort krank. Das häufte sich immer mehr, genauso wie der Wunsch zu Hause zu bleiben. Das Wirbelmädchen fing immer häufiger schon zu Hause bitterlich an zu weinen und blieb daher immer öfter daheim. Wir stellten fest, dass Kindergartenfrei zu leben auch einiges für uns erleichterte. Die Zeiten waren für uns immer recht schwierig und verursachten jede Menge Stress. Außerdem war diese Unklarheit auf Dauer ziemlich anstrengend. Keiner wusste wie der Tag verläuft, wer sie bringt und holt. Zudem bezahlten wir nicht gerade wenig Geld für diesen Spaß. Denn wir hatten einen Vollzeitplatz, den wir nun schon seit einem Jahr nur halbtags nutzten. Nun, da sie aber fast gar nicht mehr ging, fanden wir das gemessen an dem Aufwand und der wenigen Entlastung, die das alles für uns hatte, nicht mehr gerechtfertigt.

Wir gingen mit dem damals 3 jährigen Wirbelmädchen ins Gespräch und beschlossen gemeinsam sie abzumelden. Uns war sehr wichtig, sie in diese Entscheidung mit einzubeziehen. Klar, konnte sie noch nicht alles davon überblicken. Aber sie konnte klar sagen, dass sie dort nicht ohne uns sein möchte. Gerne hätte sie ab und zu mal vorbeigeschaut, um hallo zu sagen (mit Mama oder Papa versteht sich). So fragte sie etwa einmal im Monat nach ihrem Kindergarten, es war aber mehr so ein „irgendwann gehen wir da mal wieder hin.“  Dafür war uns der Platz aber schlicht weg zu teuer. Ich setzte mich intensiv mit Kindergartenfrei auseinander und wir überlegten, wie wir uns am besten strukturieren können, damit das hier alles einigermaßen klappt.

Diese entgültige Entscheidung fühlte sich unglaublich befreiend an. Endlich keine Diskussionen mehr, keine Fremdbestimmung mehr. Ich suchte mir Menschen, die ebenso Kindergartenfrei leben und bald kam die Idee einer gänzlich anderen Betreuungsform auf, dem Familiengarten.

Über die Vorteile, kitafrei zu leben, habe ich hier geschrieben. Aber auch was uns den Alltag erschwert, wird es bald zu lesen gebe.

 

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