Elternschule - wo stehen wir als Gesellschaft? | Familiengarten

„Elternschule“ – Wo stehen wir als Gesellschaft?

Ein Film geht um. Ein Film, der sich selbst als wertungsfreien Dokumentarfilm sieht und doch etwas ganz anderes ist. Ein Film, der unter dem Deckmantel „liebevoller Grenzen“ blanke Gewalt an Kindern zeigt: „Elternschule“.

Der Film „Elternschule“ kam Ende 2018 in ausgewählte deutsche Kinos und hat in den sozialen Medien eine Welle der Empörung hervorgerufen. Von der deutschen Presse dagegen wurde er überwiegend gefeiert. Es handelt sich um einen Dokumentarfilm, der zeigt, wie in einer Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik „verhaltensauffällige“ Kinder „therapiert“ werden. Es sind Kinder, die nicht schlafen, nicht essen, schreien, kratzen, hauen oder beißen. Sie werden zum Essen gezwungen, in stockdunkle Räume gesperrt und schreien gelassen, sie werden von ihrer Mutter getrennt oder hinter sich hergezogen. Das alles damit sie lernen, sich selbst zu regulieren.

Nun ist „Elternschule“ für den Grimme-Preis nominiert und ich, wie viele andere auch, bin mal wieder entsetzt. Gewalt gehört nicht ausgezeichnet. Gewalt gehört nicht gefeiert. Gewalt gehört gestoppt! Mein folgender Beitrag liegt so ähnlich schon eine Weile in meinem Ablagefach, jetzt ist es Zeit ihn hervorzuholen und meine Stimme klar und deutlich gegen Gewalt an Kindern zu erheben!

Erziehung oder Gewalt?

„Wie gehen wir richtig mit unseren Kindern um – und mit uns selbst? Wie „ticken“ Kinder? Was brauchen sie von uns Erwachsenen – und was nicht?“ Diesen Fragen geht der Dokumentarfilm „Elternschule“ nach eigenen Aussagen nach und zeichnet dabei ein äußerst düsteres Bild heutiger Familien: überforderte Eltern, dauerschreiende Kinder außer Rand und Band. Kleine Tyrannen, die nicht mehr zu halten sind. Doch warum sind die Kinder so? Welche Gründe gibt es für ihr auffälliges Verhalten? Das Problem scheint in allen Fällen gleich: fehlende Grenzen, fehlende Härte, durchsetzungsunfähige Eltern. Und so macht es sich die Gelsenkirchener Kinderklinik zum Auftrag, Eltern zu zeigen, wie es richtig geht. Das „wirkt in manchen Szenen hart, ist aber wohl pädagogisch wichtig“, wie es der WDR so herrlich unkritisch beschreibt.

Wie kann es sein, dass ein Film im deutschen Fernsehen gezeigt und nun auch noch für den Grimme-Preis nominiert wird, der in vielen verschiedenen Szenen Gewalt an Kindern zeigt und diese noch dazu als adäquates Mittel elterlicher Erziehung darstellt? Wie kann es sein, dass auf der einen Seite viele aufgebrachte Menschen stehen, die ganz klare Verstöße gegen die Menschenrechte sehen, während der Film vor allem in Pressekreisen, aber auch bei vielen Zuschauern, gefeiert wird? „Das Geheimnis guter Erziehung“, tituliert der WDR. „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist dieser Film ein Muss.“ meint dagegen die Süddeutsche Zeitung.

„Elternschule“ – dürfen wird das?

Was ist daran gute Erziehung? Was sagt eine so unreflektierte und unaufgeregte Filmkritik in einem solch gewaltvollen Kontext – wir sprechen hier unter anderem von Zwangsernährung und Isolation – über unsere Gesellschaft aus? Wie kommt es, dass niemand fragt, ob wir das überhaupt dürfen? Dürfen wir Kinder gegen ihren Willen festhalten, sie zwingen zu essen, sie nach ihren Eltern schreiend dazu bringen, allein in stock dunklen Räumen zu schlafen? Dürfen wir so mit schutzbefohlenen Menschen umgehen? Dürfen wir sie demütigen, hinter uns herzerren und sie schikanieren, bis sie wieder „funktionieren“? Und dürfen wir sie in all diesem Leid, in ihrer absoluten Hilflosigkeit auch noch filmen und im Kino beziehungsweise Fernsehen präsentieren?

Rechtfertigt hier das Ziel die Mittel? Lassen sich solche Maßnahmen unter dem Deckmantel der Erziehung oder der Therapie schönreden?

Nein, schreit es aus den sozialen Medien laut heraus. Nein, schreie auch ich. Das ist Gewalt, die gestoppt werden muss. Kinder dürfen nicht gebrochen werden. Kinder, sind nicht per se schlecht. Sie wollen uns nicht manipulieren, nicht tyrannisieren. Mit ihrem Verhalten zeigen sie uns Missstände auf. Sie schreien nach Hilfe, nach Liebe und Anerkennung. Das, was in dieser Klinik aber passiert, ist das komplette Gegenteil.

Ja, am Ende funktionieren sie. Die Kinder machen, was ihnen antrainiert wurde. Die Frage ist nur zu welchem Preis. Anhand einiger Bilder lässt er sich erahnen: Am Ende sehe ich einen kleinen Jungen, der auf dem Schoß seiner Mutter seine Flasche trinkt. Endlich. Nur leider ist von diesem Jungen kaum mehr etwas wahrzunehmen. Ich sehe ein absolut leeres Kind. Ein Kind, dass sich zwar nicht mehr wehrt, nicht mehr schreit und nicht mehr aufbegehrt. Dafür aber ist es nur noch ein Schatten seiner selbst. Es funktioniert, es hat sich gefügt. Ein glückliches Kind, so wie es mir die Presse und die Therapeuten gerne verkaufen wollen, sieht in meinen Augen allerdings gänzlich anders aus.

Elternschule - wo stehen wir als Gesellschaft?

„Elternschule“ – fundemantale Rechte werden gebrochen

In dem Film „Elternschule“ geht es um weit mehr als darum, ob jemand Kindern Grenzen setzt. Hier geht es um fundamentale Rechte. Rechte, die sowohl im Grundgesetz als auch in der UN-Menschrechtscharta festgelegt sind. Sie sind unveräußerlich und gelten für alle Menschen gleich. Unabhängig von Alter, Status oder Verhalten. Das sollte auch der Presse und dem Grimme-Institut bekannt sein.

Es sind nicht nur „hysterische Helikopter-Mütter“, die auf diesen Zustand aufmerksam machen. Es gibt auch aus Fachkreisen starke und klare Reaktionen. Leider blieben diese Stimmen in der Öffentlichkeit weitestgehend ungehört. Der Deutsche Kinderschutzbund etwa positioniert sich sehr klar:

„Es gibt in diesem Film zahlreiche Szenen, in denen psychische und physische Gewalt gegen Kinder, zumeist kleine Kinder, in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen gezeigt wird.“

Weiter wirft er die Frage auf, warum seriöse Medien das Recht auf gewaltfreie Erziehung leichtfertig ignorieren, denn

„[d]ie im Film gezeigten Praktiken in der Erziehung und Betreuung von Kindern verstoßen gegen geltendes Recht.“

Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) wird noch deutlicher und spricht bei einigen im Film gezeigten Praktiken von Folter oder folterähnlichen Methoden.

Aber auch andere Fachgesellschaften haben klare Stellung bezogen. So zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP):

„Die in dem Film dargestellten Behandlungsmethoden zum Üben von Trennungssituationen und zur Schlafanbahnung […] sind aus unserer Sicht als klinisch und ethisch bedenklich zu werten und können im schlimmsten Fall dem Kind mehr schaden als nutzen.“

Des Weiteren hält sie fest:

„Die moderne Behandlung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen setzt immer voraus, dass das Kindeswohl an erster Stelle steht. Hierzu zählt auch die Achtung des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit und des Rechtes auf Würde. Übergriffige und gewaltsame Methoden zählen keinesfalls zu den genutzten Verfahren. Therapeutische Maßnahmen gegen den Willen der Betroffenen, auch der Kinder, sind nur in Ausnahmefällen und nur unter bestimmten Bedingungen zu rechtfertigen (siehe auch Positionspapier zu freiheitsentziehenden Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen).“ 

Pressearbeit lässt stark zu wünschen übrig

Wieso sieht die Presse all das nicht? Wie kann es zu einer solch einseitigen Berichterstattung kommen? Wie kann ein Film in solchem Kontext für einen Preis nominiert werden? Wo sind die kritischen Fragen, wo gegenseitige Therapieansätze, wo kommt die (fachliche) Kritik an solchen Therapieformen zu Wort? Was ist mit den Äußerungen des renommierten Prof. Dr. Brisch passiert, einem Kinder- und Jugendpsychiater und Bindungsexperten, die in der ZEIT in einem Interview erscheinen sollten? Wie kann es sein, dass die Staatsanwaltschaft Essen keine Notwendigkeit der Anklage finden konnte? All das wirft Fragen auf und zeigt, dass wir als Gesellschaft dringend einen Diskurs über Gewalt und Trauma führen sollten. Denn ja, Gewalt gegen Kinder lehnen alle ab, aber wo sie anfängt oder wie genau sie aussieht, ist völlig ungeklärt.

Auch extreme Fälle rechtfertigen diese Maßnahmen nicht

Oft wird bekräftig, dass es sich im Film „Elernschule“ aber um besonders harte Fälle handele. Um stark verhaltensauffällige Kinder und ihre Familien, denen man ja schließlich irgendwie Einhalt bieten muss. Wie sonst kann man ein solches Verhalten abstellen?

Zum einen sind Menschenrechte unveräußerlich. Im Klartext bedeutet das, dass es (in diesem Kontext) völlig egal ist, wie sich die Kinder Verhalten. Sie haben Rechte, die nicht gebrochen werden dürfen. Zum anderen stellt sich mir die Frage, was das Ganze dann mit Erziehung zu tun haben soll? Wenn der Deckmantel der Therapie herangezogen wird, was macht den Film dann zu einem Film, „der von allen Eltern gesehen werden muss?“ Was sollen sie daraus mitnehmen? Warum diskutieren wir dann über Erziehung? Und wieso wird dann nicht davor gewarnt, diese Methoden im Alleingang zu Hause nachzuahmen?

Und genau das macht diesen Film in meinen Augen so gefährlich. Mit Nichten handelt es sich hier um einen kommentarlosen Dokumentarfilm, der wertungsfrei einen Ist-Zustand abbildet, wie es die Filmmacher für sich beanspruchen. Im Gegenteil, hier wird hochmanipulativ ein Bild vom tyrannischen Kind gezeichnet, dem nur durch Härte entgegengetreten werden kann. Schwer verhaltensauffällige Kinder sind, so wird es hier propagiert, das Ergebnis fehlender Grenzen, ja falscher Erziehung: Achtung liebe Eltern, greift ein, bevor es zu spät ist. Solche Kinder sind das Resultat fehlender Härte oder wie es Herr Langer nennt, fehlender „liebevoller Grenzen“. 

Und so werden gewalttätige Maßnahmen gezeigt und verharmlost und sogar als adäquate Erziehung dargestellt. Gerechtfertigt also mit besonders schweren Fällen, dann aber scheinbar als die (präventive) Lösung für alle Familien präsentiert. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich auch dann klar davon distanzieren möchte, wenn es sich hier um eine spezielle „Therapieform“ handelt. Denn auch für solche Fälle gibt es durchaus andere, langfristig sehr viel sinnvollere Maßnahmen (vergleiche hierzu auch die Stellungnahme der DGKJP weiter oben). Dennoch wird hier bewusst mit grenzwertigen Fällen gespielt und massiv pauschalisiert. 

Ist „Elternschule“ auch eine Chance?

Bei aller Sorge sehe ich in diesem Film aber auch eine enorme Chance. Zwingt er uns doch öffentlich, jenseits unserer bindungs- und bedürfnisorientierten Blase, Stellung zu beziehen und endlich in eine offene Debatte zu treten. Welche Werte wollen wir leben? Wie wollen wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen? Wie wollen wir unseren Kindern begegnen? Viel zu lange haben die meisten von uns geschwiegen. Auch ich habe mich und mein Handeln viel zu selten erklärt, habe viel zu wenig dafür argumentiert. Weil mir die Kraft dazu fehlte. Weil es mir unklar war, wieso das nicht einfach verstanden wird. Aber ohne Dialog wird es nicht gehen. Wir brauchen ein Umdenken. Wir brauchen einen Wandel. Wir haben jetzt die Möglichkeit dafür einzustehen und für unsere Kinder zu kämpfen. Wir können uns für Menschenrechte stark machen und uns für einen wertschätzenden Umgang mit kleinen und großen Menschen einsetzen. Für Beziehung statt Erziehung.

Hier geht es nicht „nur“ um Erziehung. Es geht um die Frage nach Macht, nach festgefahrenen Gesellschaftsstrukturen und Glaubenssätzen, um einen echten und so dringenden Gesellschaftswandel, ja um einen waschechten Generationskonflikt. Um schlichte, aber so dring

end nötige Menschlichkeit.  

Nachtrag

Leider gab es bisher keinen solchen Dialog, beziehungsweise ist dieses Thema genauso schnell wieder verebbt, wie es aufkam. Aber die Tatsache, dass „Elternschule“ im Fernsehen ausgestrahlt wird, dass er tatsächlich für Preise nominiert wird, zeigt, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben:

„Schämen sollten wir uns dafür, dass dieser Film in unserer Gesellschaft nicht mehr Widerspruch bekommt. Schämen sollten wir uns, dass wir „das Geheimnis guter Erziehung“ wieder in Härte und bedingungsloser Unterwerfung suchen. Schämen sollten wir uns, dass DAS die Hilfe ist, die wir in Not geratenen Familien anbieten.“ (Dr. Herbert Renz-Polster).

 

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Lasst uns dafür sorgen, dass der Widerstand wächst! Lasst uns in einen öffentlichen Diskurs über die Werte unserer Gesellschaft gehen und uns ganz klar gegen jede Form von Gewalt gegen Kinder erheben!

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