Familienstreit an Weihnachten – eine Satire

Der Boden ist gewischt, die Fenster geputzt, der Braten brutzelt im Ofen. Es glitzert und glänzt feierlich, im Hintergrund ertönen Weihnachtslieder. Voll freudiger Erwartung sitzen die Kinder vor dem Baum. Mit aufgerissenen Mündern und großen Augen warten sie ungeduldig darauf, endlich die so lang ersehnten Geschenke zu öffnen. Die Spannung ist kaum mehr zu ertragen, dennoch gilt es noch ein kleines Ständchen oder ein Gedicht darzubieten. Dabei immer im Blick ist der riesige Geschenkeberg, der dort so verlockend aufs Öffnen wartet. Jedes einzelne Geschenk ist kunstvoll verpackt, jedes einzelne größer und schöner als das andere. Dann endlich ist es soweit: Bescherung!

Die Geschenke werden aufgerissen. In wenigen Sekunden ist all die Mühe des Verpackens dahin, während der Müllberg von Glitzerpapier und Plastikschleifen wächst. Die Geschenke werden bestaunt und bewundert, aber da ist auch schon das nächste und noch eins und noch eins und dort hinten noch. Wie in einem Rausch wird alles inhaliert.

Der Höhepunkt des Weihnachtsfestes, all das, worauf die letzten Wochen so hart hingearbeitet wurde, ist erreicht. Zurück bleibt die Frage, ob denn da noch mehr kommen würde?

Familienstreit an Weihnachten bricht aus

Währenddessen eschauffiert sich Opa, warum denn das Baby schon wieder rumgeschleppt wird und dass es doch da drinnen überhaupt keine Luft bekommt. Solche Sperenzchen hätte es früher nicht gegeben, stimmt Oma mit ein und überhaupt, Schreien lassen kräftigt doch schließlich die Lungen. „Und habt ihr denn das Buch ‚Wie Kinder zu Tyrannen werden‘ gelesen? Nein? Tja, da haben wir nun den Salat. Kein Wunder, dass sich die Kinder noch nicht einmal vernünftig bedanken können.“

Mama verzieht sich ins Bad. Sie versucht tief durchzuatmen, aber die Tränen fließen. All die Anspannung der letzten Wochen fällt langsam von ihr ab, sie ist traurig, entnervt und wütend zu gleich. Keiner hat sich richtig gefreut und was sollen diese Sticheleien schon wieder? Keinem kann man es recht machen und überhaupt, was soll sie eigentlich mit dem zehnten Schal?

Papa sitzt wie immer zwischen den Stühlen. Angespannt versucht er alles zusammen zu halten. Nun will aber auch noch gegessen werden. Die mühsam vorbereiteten Gänse – es sind zwei, denn sonst fehlt immer ein kleines Stück – werden mit Klößen und Rotkraut serviert.

Just in diesem Moment ertönt ein ohrenbetäubender Schrei. Die fünfjährige kreischt in grellen Tönen und stürzt sich unter den Tisch. Jeder Versuch sie zu beruhigen oder dort wieder raus zu bekommen, wird mit heftigen Tritten und Schlägen quittiert. Sie weint und schreit. Nun fängt auch der zweijährige an. Kreischend gibt er kund, dass ihm das alles viel zu laut sei. Omas verständnisloser Hinweis es sei doch gar nicht schlimm, verschlechtert die Lage und bringt die Wutlawine ins Rollen. Das Kind ist die nächsten dreißig Minuten nicht mehr ansprechbar und brüllt und schreit außer sich. „Die sollen sich doch bitte mal nicht so haben und wieso greifen die Eltern denn nicht endlich mal ein?“, zischt es aus Oma heraus. „So ein Klapps hat ja auch noch keinem geschadet“, posaunt nun der aufgebrachte Onkel.

„Was für ein Irrenhaus“, poltert es aus dem Badezimmer. „Das wars. Noch nicht einmal einen einzigen Tag im Jahr kann man mit euch in Ruhe feiern“.

Wieder ein Familienstreit an Weihnachten. Tränen- und Emotionsgeladen findet das Fest der Liebe sein abruptes Ende.

Vorweihnachtsstress

Soll es das jetzt gewesen sein? Was war der Grund für den Familienstreit an Weihnachten? Schließlich haben sich doch alle Beteiligten so viel Mühe gegeben.

Oma hat eine Woche lang das gesamte Haus geputzt und auf Hochglanz gebracht. Leider hatte sie deshalb keine Zeit mehr für die Enkelkinder, die in wenigen Tagen wieder abreisen. Aber was muss, das muss. Mama hatte mit den Kindern gebacken, gebastelt, Weihnachtslieder gesungen, jeden Tag das Kalendertürchen geöffnet und begleitet von bitterlichen Tränen und Wutausbrüchen die Kinder dazu gebracht, die anderen geschlossen zu lassen. Warten will ja schließlich auch gelernt werden. Und das gehört ja nun mal dazu. Geschenke mussten besorgt und verpackt werden, das Essen vorbereitet, die Weihnachtsfeiern abgearbeitet, kleine Dankespräsente angefertigt und verteilt werden. Und auf Arbeit galt es noch die letzten wichtigen Termine vor Jahresende zu erledigen.

Die Wochenenden waren voller Aktivitäten: Hier ein Weihnachtsmarktbesuch, dort eine Weihnachtsbastelei, hier eine Familienfeier und überall der freundliche Hinweis, dass es ja nun endlich bald soweit sei und ob die Kinder denn auch immer schön artig gewesen seien? Dasselbe galt für jeden Gefühlsausbruch der Kinder: Obacht, der Weihnachtsmann kommt nur zu den artigen Kindern! Und natürlich hatten auch Papa und Opa jede Menge zu tun. Von Besinnlichkeit keine Spur. Stattdessen Stress und Hektik für die perfekte Weihnachtszeit.

zu hohe Erwartungen

Völlig überfrachtet von Erwartungen und mit einer unglaublichen Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie beginnen dann die lang ersehnten Weihnachtstage. Aber auch hier ist von Besinnlichkeit keine Spur. Die Kinder sind laut und aufgeregt. Ein Verwandtschaftsbesuch folgt dem nächsten, meist geht es dabei wenig kindgerecht zu. Nun soll es doch bitte endlich ruhig sein, wenigstens beim gemütlichen Weihnachtsessen mal. Wenn dann die Kinder nicht funktionieren und das wohlmöglich noch nicht einmal müssen, ist der Familienstreit an Weihnachten vorprogrammiert.

Der gesamte angestaute Stress entlädt sich. Irgendwo müssen die Gefühle hin. Unsere fein säuberlich errichteten Selbstschutzmauern beginnen zu bröckeln. Die Kinder sind satt. Satt geschenkt, satt voller Erlebnisse, Erwartungen und Emotionen. Zudem spiegeln sie unsere Stimmung und irgendwann kracht es einfach.

unterschiedliche Prägungen

Jeder einzelne von uns hat sein ganz eigenes Päckchen zu tragen. Jeder bringt eine eigene Geschichte, eigene Werte, Ideen, Glaubenssätze und Erwartungen mit. Dazu kommen ganz eigene Triggerpunkte der Kindheit. Das alles macht ein Miteinander schon schwer genug. An völlig mit Idealvorstellungen überladenen Tagen wie Weihnachten, ist eine wertfreie und wertschätzende Begegnung miteinander allerdings noch mal um einiges schwerer. Ein Familienstreit an Weihnachten ist da schnell passiert.

Erziehung steht Beziehung im Weg

Leider sind die wenigsten von uns darin geübt, mit wirklichem Interesse aufeinander zu zugehen. Bewerten und abwerten fällt da deutlich leichter. Einen Perspektivwechsel vornehmen und unvoreingenommen den Gegenüber anzunehmen wie er ist, ist unglaublich schwer.

Erst recht, wenn wir dabei in die alten Rollen von erziehenden Eltern und Kindern fallen. Wenn Eltern auf ihre „unreifen“ erwachsenen Kinder prallen, ist das ein Ungleichgewicht. Machen diese dann im Umgang mit den eigenen Kindern auch noch alles anders, wird es richtig kompliziert. Dann kommt nicht nur Unverständnis, sondern oft auch noch ein Gefühl der Kränkung hinzu. Warum müssen die eigenen Kinder alles auf den Kopf stellen? Wieso müssen sie so provozieren? Warum sind sie auf einem solchen Holzweg?

Solange der Erziehungsgedanke nicht überwunden wird, also der feste Glaube daran, besser zu wissen, was für die (erwachsenen) Kinder gut ist, kann es keine echte Begegnung geben. Adultismus und Erziehung sind nie gut und stehen echten Beziehungen im Weg. Mit erwachsenen Kindern aber macht es auch keinerlei Sinn. Erziehung funktioniert hier nicht mehr (auch sonst nur kurzfristig, aber das ist ein anderes Thema). Denn erwachsene Kinder können gehen oder widersprechen. Solange es beiden Seiten nicht gelingt, hinzuschauen und verstehen zu wollen, was den anderen umtreibt, kann es keine echte Beziehung geben.

Sich neugierig begegnen, in Beziehung gehen, die Bewertung einen Moment beiseiteschieben und mit echtem Interesse hinschauen. All das kann nur mit Gleichwertigkeit gelingen. Nur wenn ich meinen Gegenüber annehme wie er ist, kann ich wirklich interessierte Fragen stellen: Was treibt dich an? Was ist es, was dort aus dir spricht? Welche Überzeugungen lebst du, welchen Werten folgst du und warum? Was hat dich geprägt? Wir alle haben einen Grund für unser Handeln, für unser Tun. Wäre es nicht schön, wenn wir diesen einfach mitteilen und erfahren könnten? (Das gilt im Übrigen auch für unsere kleinen Kinder. Erziehung steht auch hier einer echten Begegnung im Weg und verhindert, ihre Reaktionen zu verstehen.).

Solange das aber nur von einer Seite passiert, befinden wir uns in einer Einbahnstraße.

ein Mangel an Kommunikation

Das traurige an der ganzen Sache ist, dass jedes verletzende Wort im Grunde ein Hilfeschrei ist. Ein „Sieh mich doch an, mir geht es nicht gut damit!“ und zwar auf beiden Seiten. Aber auszusprechen was wir fühlen ist oft nicht möglich. Die einen wissen es offensichtlich gar nicht (wenigstens nicht das, was SIE wirklich stört. Sondern eher das diffuse MAN macht das so nicht), die anderen wissen, dass es nicht gehört werden will.

Und nun stehen wir hier. Mit all diesem Dilemma. Am Tag der Liebe, dem Fest der Besinnlichkeit und der Ruhe. Mit trampelnden kreischenden Enkelkindern, die keine Grenzen kennen, überschüttet mit Geschenken aus Plastik, weil sie kaum was kosten und weil wir unsere Liebe irgendwie ausrücken wollen. Haben uns abgeschuftet für diesen Tag. Unser mühsam erarbeitets Geld ausgegeben, damit wir glücklich werden. Zurück bleibt ein Haufen Müll, tonnenweise geschlachteter Tiere und Millionen gefällter Weihnachtsbäume und ein seltsam diffuses Gefühl der Unzufriedenheit. Aber nächstes Jahr bekommen wir das hin. Wenn wir nur hier noch ein klein wenig optimieren…

 

Und wie habt ihr Weihnachten verbracht?

Einige Tipps, wie sich Familienstreit an Weihanchten und anderen Familienfesten oder Urlauben vorbeugen lässt, kannst du bei Aida nachlesen.

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2 comments

  • Jenny sagt:

    Danke für diesen wahrheitsgetreuen und erfrischenden Beitrag. Es ist schon eine große Herausforderung – an Festtagen – die Erwartungen und Vorstellungen von allen Gästen unter einen Hut zu bringen. Dazu gehört ein Stück Mut seine eigenen Interessen nicht zu vernachlässigen aber auch die anderen Wünsche zu respektieren. Ich sehe das wie du: Kommunikation ist der richtige Schlüssel! LG Jenny von http://www.mamastimme.de

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